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Archive for Februar 2009

Wir nennen es Arbeit

Ich weiß, ich bin Jahre zu spät dran, aber ich bin tatsächlich erst jetzt dazu gekommen, das viel diskutierte „Wir nennen es Arbeit“ zu lesen (der erste Versuch scheiterte vor Jahresfrist kläglich nach 50 Seiten). Und selten habe ich zu einem Buch ein derart ambivalentes Verhältnis gehabt wie zu diesem. Vieles darin ist brilliant beobachtet; beispielsweise die Passage, in der beschrieben wird, wie sich Firmen zu abgeschlossenen Bereichen mit sehr eigenen Sub-Kulturen entwickeln und um wie vieles drastischer eine solche Entwicklung wird, je mehr eine Firma wächst. Ich habe selbst zweimal für Großunternehmen (<3000 MA) gearbeitet und war danach erstaunt, wie sehr solche Firmen zu in sich hermetisch geschlossenen Bereichen werden, in denen viele Dinge getan, so gut wie keine aber hinterfragt werden. Die Beobachtung aus dem Buch, dass die Zeit, die man bei einem einzenen Mitarbeiter tatsächlich der effizienten Arbeit zurechnen kann, bei einem Bruchteil der nominal berechneten Arbeitszeit liegt, würde ich vollständig teilen.  Wenn jemand acht Stunden anwesend ist, bedeutet das noch lange nicht, dass er auch acht Stunden arbeitet, im Gegenteil: Je größer die Firmen werden, desto mehr behindern sie sich selbst. Die beiden größten Firmen, bei denen ich gearbeitet habe, waren beide auf ihre Art derart ineffiziente Konstrukte, dass es, wie wir in Niederbayern sagen, der Sau graust. Die anderen Zahlen, mit denen im Buch hantiert hat, kennt man: dass sich nur ein Bruchteil der Leute wirklich für ihren Job interessiert, dass jeder Zweite die innere Kündigung ausgesprochen hat. Trotzdem ist das Buch genau in den Momenten richtig gut, in denen es die Dinge analysiert und beschreibt; die konventionelle Arbeitswelt ebenso wie das Leben als Freiberufler.

Und immer da, wo es vermeintlich visionär wird, wird es zum Quatsch. An die These, dass sich die Lebensform der digitalen Boheme quasi unaufhaltsam ausbreitet, glaube ich keine Sekunde lang. Es wird sich nicht viel daran ändern, dass die festangestellte Käfighaltung weiterhin die meistangestrebte und vermutlich auch gesellschaftlich am ehesten akzeptierte Lebensform sein wird. Wofür es ja auch einige nachvollziehbare Gründe gibt. Nicht jeder liebt das Risiko, nicht jeder kann mit den Unsicherheiten einer selbständigen Existenz umgehen, nicht jeder ist den Anforderungen (doch…die gibt es!) gewachsen. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass ein Großteil der Leute für dieses Leben auch nicht geboren ist. Weil sie diesen Drang, eigene Entscheidungen treffen zu wollen und sich nicht in irgendwelchen völig abwegigen Firmenkonstrukten drangsalieren lassen zu wollen, gar nicht verspüren. Die fühlen sich im Gegenteil sogar wohler, wenn ihnen morgens einer sagt, was sie zu tun haben. Und wenn das 16.30 Uhr ist und man weiß: Feierabend. Abgesehen davon: Angeblich ist der durchschnittliche Jahresverdienst der bei der Künstlersozialkasse gemeldeten (und das ist die klassische digitale Boheme) angeblich bei knapp 11.000 € und um das als angenehm zu empfinden, ist man entweder sehr genügsam oder ein Idiot.

Ich vermute, dass diese euphemistischen Passagen von Sascha Lobo geschrieben sind; es würde in jedem Fall zu ihm passen. Mit diesem Lobo-Weltbild kann ich so gar nichts anfangen. Es  ist mir zu einseitig, zu wenig realitätsbezogen. Lobo bekommt immer dann leuchtende Augen, wenn irgendwo „2.0“ draufsteht. Und wenn ich mir seinen Twitter-Feed so ansehe, werde ich in meiner Ansicht bestätigt, ebenso beim Lesen seines Blogs. Lobo ist ein grandioser Selbstdarsteller, ganz bestimmt, aber ich glaube, dass seine kleinen intellektuellen Gebilde, die er da in seinem virtuellen Sandkasten aufbaut, ganz schnell in sich zusammensacken, wenn man sie mal anstupst.

Ich vermute insofern, dass der Rest, also alle Passagen, die mir gefallen, von Holm Friebe geschrieben sind – und die sind wirklich lesens- und überdenkenswert. Hübsche Momentaufnahmen des Irrsinns, den wir tatsächlich Arbeit nennen.

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Der Herr von der HRE

Und wenn man denn übrigens noch einen Beleg bräuchte, wie sehr die Dinge in unserem System auseinandergedriftet sind und was man unter Realitätsverlust versteht: Der Ex-Chef der HRE will jetzt noch irgendwie ausstehendes Gehalt einklagen, wobei es ihm ziemlich wurscht ist, dass der Laden unter seine Ägide in eine Lage geraten ist, dass der Staat jetzt irgendwas über 100 Milliarden Euro reinpumpen muss, um diese verfilzte Zockerbude am Leben zu erhalten. Alleine dafür würde es sich lohnen, eine Gefängnisstrafe wegen Körperverletzung in Kauf zu nehmen.

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6 Milliarden vs. 1,30

Momentan wird man das Gefühl nicht los, irgendetwas hier sei völlig aus den Fugen geraten. Gestern beispielsweise die Geschichte einer Verkäuferin gelsen, die man nach 31 Jahren fristlos gefeuert hat, weil man ihr vorwirft, zwei Pfandbons im Wert von insgesamt 1,30 Uhr gnadenlos unterschlagen zu haben (der Arbeitgeber hat übrigens vor Gericht Recht bekommen). Vorhin dann gelesen, dass die Dresdner Bank im vergangenen Jahr einen Verlust von 6 Milliarden vermeldet, für den jetzt irgendwie der Steuerzahler aufzukommen hat, weil die Dresdner jetzt der Commerzbank gehört, die wiederum teilverstaatlicht ist, weil man etwas Geld brauchte, um die Dresdner zu kaufen. Die wiederum muss jetzt noch ein paar hundert Millionen an Boni an irgendwelche irren Investmentidioten zahlen, die sich die Belohnung für ihre desaströse Bilanz vertraglich haben zusichern lassen.

Ich glaube wirklich nicht, dass es im Lande D. umstürzlerische Bestrebungen gibt. Aber ich bin mir sicher, dass der Turbokapitalismus verreckt ist. Weil er in seiner ganzen Brutalität, in seinem unerträglichen Zynismus nicht lebensfähig ist. Weil es niemandem vermittelt werden kann, dass Verkäuferinnen wegen 1,30 gefeuert werden, während man schmierigen HSH-Managern mal eben ein paar Milliarden Staatshilfen und zockenden Bankstern millionenschwere Abfindungen hinterherschmeißt.

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Mir fehlt ein wenig die Lust, die hundertste Geschichte von Flughäfen aufzuschreiben. Vor allem an einem Abemd wie diesen, an dem man mit Laptop auf den Knien auf den erheblich verspäteten Flug (der Schnee…) wartet. Mir fehlt die Lust, mich mal wieder über Köln auszulassen, wo es gleich hingehen wird. Ich freue mich allenfalls darauf, wenn es morgen abend wieder zurückgeht.

Sonst?

Die neue Morrissey ist grandios.

Vor kurzem habe ich rausgefunden, wie man auf dem iPhone ein „ü“ tippt.

Und ich warte. Auf drei Entscheidungen, die dieses Jahr maßgeblich bestimmen werden. Meine Güte, dabei ist doch erst Februar.

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Bis auf letzte Nacht

Doch, ich mag das. Und ich find das irgendwie ulkig, dass Ruben Cossani am Freitag bei Raabs Songcontest antreten. Aber ich bin da natürlich nicht wirklich objektiv, wie zumindest Herr A. ahnen wird. Ich hab schließlich eh so ungefähr alles in der Sammlung, was der nette Blonde jemals geschrieben hat. Ich mag die Reminiszenzen an die 60er und diese nette Collage früherer Beatles-Outfits. Und den Song, den auch, auch wenn ich auf dem ersten Album stärkere Nummern gehört habe. Aber das klingt immer noch nach jemanden, der Musik im Blut hat.  Who cares. Lustig, was aus den Leuten so alles wird.

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Raising Sand

Vor gut einem Jahr mal mehr oder minder zufällig entdeckt: die alte Rock´n´Roll-Legende Robert Plant und die Bluegrass-Ikone Alison Krauss in einem Duett. Neugierig geworden, wie das wohl zusammengeht, Platte gekauft, gestaunt und seitdem immer wieder gerne im Betrieb. Ok, Robert Plant sieht inzwischen ein bisschen aus wie Catweazle und den Shouter von Whole lotta love würde man ihm vermutlich nicht mehr wirklich abnehmen, aber das („Raising Sand“) ist echt großartig.

Vorgestern hat die Platte einen Grammy bekommen, als bestes Album des Jahres. Und ich bin froh, dass ich sie schon seit einem Jahr habe: Erstens, weil ich mir mal wieder auf meinen erlesenen Geschmack einbilden kann, zweitens, weil mir niemand (nicht mal ich mir selbst) vorwerfen kann, das Album erst gekauft zu haben, als es einen Grammy hatte. Und außerdem ist es tröstlich, dass nicht dieser armselige Sgt-Pepper-Verschnitt Coldplay diesen Preis gewonnen hat. Jungs, da nutzt es nicht mal was, dass ihr sofort in Richtung des im Publikum sitzenden Sgt.Pepper-Masterminds Paul McCartney ein „Sorry, Boss“ gerufen habt…

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Der Autor

Gestern XXX (ersetze durch: Name eines mittelberühmten Schriftstellers) kenengelernt. Danach dann folgender Dialog:

„Und, wie ist der X so?“

„Ein Netter.“

„Nett ist die kleine Schwester von scheiße.“

„Nein, er ist wirklich nett.“

„Aber?“

„Was aber?“

„Klingt so, als wolltest du noch ein aber dransetzen.“

„Naja, ich hab mir bei ihm gedacht, dass es wahrscheinlich schwer ist zu verkraften, wenn du auf einmal so bekannt bist, Lesereisen machst, Autogramme gibst, all der ganze Kram halt. Er ist halt, sagen wir mal, ein wenig selbstverliebt. Oder zumindest sich seiner sehr gewiss.“

„Dann sind ja die beiden richtigen aufeinander getroffen.“

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