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Südafrika, ich komme!

Der Anruf des Jahres gerade eben: Ob ich denn wohl Lust hätte, nächstes Jahr ein Seminar zu leiten, interkulturell, acht Deutsche, acht Afrikaner, und ja, es wäre in Südafrika, und ja, natürlich Fußball-WM, von Vorrunde bis einschließlich Viertelfinale. Ja, selbstverständlich in Johannesburg, mit Trips zu allen anderen Spielorten im Land.

 

Ja, ja, ja! Das war die schnellste Zusage meines Lebens! Plant mich mal vom 14. bis 29.6. besser nicht im Lande D. ein!

Das System

Diese Woche in einer Ausgabe der SZ drei Schlagzeilen untereinander gelesen, die dort eher zufällig in dieser Reihenfolge dort standen und erst einmal nichts miteinander zu tun hatten:

Razzia bei der BayernLB (Dem früheren Vorstand der Bank wird u.a. Unterschlagung bzw. Untreue vorgeworfen. Die Bank musste letztes Jahr mit insgesamt 10 Milliarden Steuergeldern vor der Pleite bewahrt werden.)

Amerikanische Banken zahlen ihren Mitarbeitern in diesem Jahr so hohe Boni wie noch nie (140 Milliarden).

Auf der Welt hungern 1 Milliarde Menschen (so viele wie seit 1970 nicht mehr).

Und ich dachte mir, dass es schon möglich ist, dass Banken systemrelevant sind und dass man sie deswegen retten muss, aber dass sie eben auch nur für dieses eine System relevant sind. Vielleicht muss man das System ändern und nicht die Banken, den Finanzmarkt. Man wird die Gier, die Dummheit, das maßlose Ego dieser Branche(n) nicht mit erhobenem Zeigefinger, mit ein paar Ermahnungen, ein paar neuen Regularien in den Griff bekommen. Sie zocken schon wieder, sie feiern Partys und sich selbst — und letztlich hilft nur der radikale Schritt: Schafft das System ab. Wenn wir es nicht selbst abschaffen, wird es von anderen abgeschafft werden. Es wird auf Dauer nicht funktionieren, weil es auf Dauer nicht funktionieren kann: Hier zockende, dekadente Banker, da eine Milliarde Hungernder.

Amüsanterweise ist übrigens gerade ausgerechnet Westerwelles  FDP dabei, auf Pump finanzierte Steuersenkungen durchzudrücken, damit man wenigstens ein paar von den hübschen Wahlversprechen durchziehen kann, die man gemacht hatte. Wie man überhaupt die laufenden Koalitionsverhandlungen als Bankrotterklärung der angekündigten Kehrtwende werten darf: Man hebt also irgendwelche Hartz4-Sätze an und verlängert Laufzeiten von Kernkraftwerken, sehr viel mehr weiß man noch nicht. Nach fast zwei Wochen Verhandlungen.

Herbst

FDP und CDU stellen gerade fest, dass sie eigentlich gar kein Geld haben und deswegen Steuern nicht so richtig werden senken können (quelle surprise…). Deutschland fährt trotzdem mal wieder zur WM, und irgendwie hat man aktuell gerade den Eindruck, dass alles so sei, wie es schon immer gewesen ist. Wie wird das erst, wenn plötzlich Leutheusser-Schnarrenberger und Solms im Kabinett sitzen? Wird Kohl dann Ehrenkanzler und der Osten wieder zur DDR?

Welche Krise?

Die Union und die FDP beraten darüber, welche Steuer sie zuerst wohl senken sollen; wohl wissend, dass es da nichts zu senken gibt, aber irgendwie muss man ja dann doch darüber hinweg täuschen, wie viel im FDP-Wahlkampf wider besseren Wissens einfach mal dahingelogen war. Bei der HRE ist heute Hauptversammlung und man erwartet, dass sie (laut dpa) „turbulent“ werden könnte. Hätte die FDP heute die 100 Milliarden, die man den HRE-Verbrechern hinterherwerfen musste, man hätte irre viel Geld für teure Steuergeschenke zur Verfügung. So aber leiden die liberalen Krawattenträgern an den Bank-Krawattenträgern, also letztlich an denen, deren völlige Freiheit sie immer wieder fordern und das mit dem Begriff Liberalismus verwechseln. Ausgleichende Gerechtigkeit, finde ich.

Draußen im Wald ist übrigens von Krise und von Westerwelle nichts zu merken. Hier wächst alles weiterhin unbeeindruckt vor sich hin, und wenn eines Tages Westerwelle und die Banken gemeinsam kollabieren, weil sie es immer noch nicht begriffen haben, wird dieser wunderbare Leitpfosten mitten im Wald weiter einfach da stehen, ein wenig von Pflanzen umwuchert werden und letztendlich symbolisieren, wie Niederbayern wirklich tickt: stoisch.

Sommerende

Könnte man sich schöner vom Sommer verabschieden als mit diesen Bildern? Zufällig bei der letzten Nachbearbeitung der Venetien-Fotos gefunden und mich gefragt, warum ich die noch nicht verwendet habe. Entstanden übrigens zum Sonnenaufgang, also schon früh aufgestanden, um die Motive zu bekommen. Im Übrigen haben solche Orte früh am Morgen, wenn noch kein Mensch unterwegs ist, eine ganze besondere Athmosphäre. Hat er Oktober hier übrigens auch; die Sonne scheint, es hat immer noch fast 20 Grad, alles ist gut. Der scheußliche Mist mit Kälte und Nebel kommt  noch früh genug. Und schwarzgelb haben wir ja eh schon.

Vollmond

Der letzte Vollmond war übrigens dermaßen hell, dass ich nicht einmal ein Stativ gebraucht habe. Das wollte ich euch nicht vorenthalten, um mal wieder zu den angenehmen Seiten des Lebens zu kommen.

Was soll man noch sagen nach gestern? Ich bin ja schon ziemlich erstaunt, dass man ausgerechnet in Zeiten einer handfesten Wirtschaftskrise denen die Macht gibt, deren Ideologie genau zu dem geführt, wo wir jetzt sind. Zumindest kann ich mir nicht vorstellen, dass an der Krise zu viel Staat und zu viel Regierung schuld seien. Aber nun gut – dann soll Großmaul Westerwilli mal zeigen, was er kann, Opposition ist ja immer einfach. Ich bin gespannt, wie er angesichts des von Banken, Hedgefonds und anderen Halbkriminellen kaputtgemachten Staatshaushalts demnächst die Steuern senken wird. Und wie er angesichts eines kaputtgemachten Wählervertrauens in die Mechanismen des Turbokapitalismus den Arbeitsmarkt deregulieren will und welche merkwürdigen Logiken diesmal wieder dahinterstecken sollen: Entfesselte Finanzmärkte machen die Wirtschaft kaputt, weswegen ganz stinknormale Arbeitnehmer leider, leider ein paar Zumutungen mehr hinnehmen müssen, während das ganze Bankergesocks ungeschoren davon kommt? Bei denen wird nämlich schon wieder gefeiert und gezockt und an Boni gedacht, während hier das Schlimmste am Arbeitsmarkt erst noch kommt.

Aber gut — wenigstens wieder klare Verhältnisse, wenigstens wieder eine Regierung, die man mit bestem Gewissen nicht mögen kann. Zurück in die Zukunft als Allheilmittel, mit Westerwelle, Brüderle, Schnarrenberger. Wie geht´s eigentlich Genscher, kann man den nicht auch noch ausgraben?

Gestern sind mir die Hackfressen, die ich nicht mag, übrigens dummerweise begegnet, als ich gerade unterwegs war an Stellen, die normalerweise nicht von Bankern, Beratern, Zahnärzten und Anwälten übervölkert sind. Dumerweise kam ich an irgendeinem Golf-Ressort vorbei und ich wusste nach drei Minuten nicht, ob ich lachen oder weinen soll: glattgegelte, ausdrucklose Gesichter, das neue Auto, die neue Ausrüstung spazierentragen, Pulli über die Schulter gehängt (das sieht übrigens ganz bescheuert aus), Bussibussi hier, bussibussi („Ja, grüüüüüüüß dich….“) da. In dem Moment wusste ich, wer Westerwelle gewählt hat und was auf uns zukommt.

Tröstlich: Ich gebe denen keine vier Jahre. Weil das Grummeln in der 33-Prozent-Union über Merkel, von der keiner weiß, was sie außer Macht eigentlich will,  erheblich zunehmen wird. Weil man bei der FDP ziemlich schnell merken wird, dass da außer Westerwelle nicht viel nachkommt. Weil man vielleicht merken wird, dass Steinmeier und Steinbrück doch nicht die Schlechtesten waren. Weil man merken wird, dass wir wieder in 1993 leben. Ich kann mich an diese bleierne Zeit noch bestens erinnern: hohe Arbeitslosenzahlen, katastrophale Schuldenentwicklung, kein Ansatz einer halbwegs sinnvollen Energiepolitik (erinnert sich übrigens noch jemand an eine Umweltministerin namens Merkel?). Jetzt sind sie alle wieder da, das halbe Kabinett Kohl und die komplette Unentschlossenheit, die sich lediglich darin einig, dass es um Wachstum geht, egal wie, egal warum. Und das nicht begriffen hat, dass es schon lange ein latentes Unbehagen am ganzen System gibt. Natürlich kann man sich über die SPD und ihr kolossal schlechtes Ergebnis amüsieren. Aber wenn das Amüsement darüber mal vorbei ist, wird man vielleicht auch einmal darüber reden, dass die Kanzlerpartei gerade mal noch ein Drittel der (abgegebenen) Wählerstimmen auf sich vereint. Rechnet man die Nichtwähler noch raus, kommen Biene Merkel und Westerwilli vielleicht noch auf die Zustimmung von jedem fünften Wahlberechtigten. Das ist eigentlich keine Basis für eine Regierung, so sehr sie zahlenmäßig auch legitimiert ist. Vier Fünftel wollen sie nicht, das ist Fakt.

Kanzlerin Merkel, Vize Westerwelle? Von mir aus. Aber beschwert euch hinterher nicht. Ich hab´sie nicht gewählt.

Neuer Rekord!

Ich gratulier mir mal eben selbst zur neuen Bestmarke in Sachen Schreibfaulheit. Nee, eigentlich keine Faulheit. Kleiner Overkill, wichtige andere Projekte. Und vor allem: keine neues Fotos und Videos, die man bloggen könnte. Eines versuche ich am Wochenende mal, was anderes mit einer Sony Z1 (ein richtig großes Geschoss) in der kommenden Woche.

Happy Birthday, Krise!

„So möchte ich, dass sie meine Worte hören: Wir werden nicht zu den Tagen rücksichtslosen Verhaltens und unkontrollierten Exzesses zurückkehren, die der Krise zugrunde liegen, wo zu viele nur vom Appetit auf schnelle Beute und aufgeblähte Boni motiviert waren.“

Barack Obama in seiner Rede zum einjährigen Geburtstag der Krise. Die taz hat dazu heute eine ganze „Lehman“-Sonderausgabe gemacht — mit der schönen Überschrift: Nur weiter so!

Und im Gedanken habe ich nach der Überschrift noch ein derbes Schimpfwort gelesen.

(Am Rande: Ebenfalls lesenswert die Spiegel-Titelgeschichte: Warum die Welt durch die Finanzkrise ärmer, aber nicht klüger wurde)

Wie ich aus Versehen

Ich kenn mich selber nicht mehr aus.

Als ich vor kurzem von Jan Fleischhauer „Unter Linken“ las und dessen Bekenntnisse, wie sehr ihn der Gemütsterror des Millieus nevt, habe ich an vielen Stellen geschmunzelt und mich ebenfalls dabei ertappt, wie sehr mir die Meinungsdiktatur von Gutmenschen in Latzhosen auf den Keks geht. Danach habe ich Fleischhauer mehrfach im Fernsehen gesehen und dabei festgestellt, wie sehr mir erst  blasierte Anzugträger gegen den Strich gehen. Alles in allem war Fleischhauers Selbstgefälligkeit nur sehr schwer zu ertragen, wobei ich mir im Stillen momentan allerdings auch denke, das fast alle Menschen, die ich kenne und die in der Öffentlichkeit verstärkt wahrgenommen werden, über kurz oder lang eine fatale Neigung zur Selbstgefälligkeit entwickeln.

Matthias Matussek hat jetzt jedenfalls eine ziemlich gemeine und dennoch gute Replik auf Fleischhauer geschrieben: Wie ich aus Versehen ein Linker wurde. Und wenn man so will, ist mir diese Haltung momentan um ein Vielfaches lieber als Fleischhauer, der vor lauter vor dem Spiegel stehen und wichtig sein vermutlich gar nicht mehr richtig zum Nachdenken kommt. Beste Passage aus dem Matussek-Text:

(…)Stattdessen erleben wir einen verspäteten Kulturkampf, in dem die bürgerliche Mitte die 68er ein weiteres Mal besiegt wie in einer ständigen Sedanfeier aus Alt- und Jungkonservativen. Das konservative juste milieu, das gerade die allerschwersten ökonomischen Panikattacken hinter sich hat, ist damit beschäftigt, sich auf die Schulter zu klopfen, mit geradezu unerträglicher Selbstzufriedenheit.

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