Was soll man noch sagen nach gestern? Ich bin ja schon ziemlich erstaunt, dass man ausgerechnet in Zeiten einer handfesten Wirtschaftskrise denen die Macht gibt, deren Ideologie genau zu dem geführt, wo wir jetzt sind. Zumindest kann ich mir nicht vorstellen, dass an der Krise zu viel Staat und zu viel Regierung schuld seien. Aber nun gut – dann soll Großmaul Westerwilli mal zeigen, was er kann, Opposition ist ja immer einfach. Ich bin gespannt, wie er angesichts des von Banken, Hedgefonds und anderen Halbkriminellen kaputtgemachten Staatshaushalts demnächst die Steuern senken wird. Und wie er angesichts eines kaputtgemachten Wählervertrauens in die Mechanismen des Turbokapitalismus den Arbeitsmarkt deregulieren will und welche merkwürdigen Logiken diesmal wieder dahinterstecken sollen: Entfesselte Finanzmärkte machen die Wirtschaft kaputt, weswegen ganz stinknormale Arbeitnehmer leider, leider ein paar Zumutungen mehr hinnehmen müssen, während das ganze Bankergesocks ungeschoren davon kommt? Bei denen wird nämlich schon wieder gefeiert und gezockt und an Boni gedacht, während hier das Schlimmste am Arbeitsmarkt erst noch kommt.
Aber gut — wenigstens wieder klare Verhältnisse, wenigstens wieder eine Regierung, die man mit bestem Gewissen nicht mögen kann. Zurück in die Zukunft als Allheilmittel, mit Westerwelle, Brüderle, Schnarrenberger. Wie geht´s eigentlich Genscher, kann man den nicht auch noch ausgraben?
Gestern sind mir die Hackfressen, die ich nicht mag, übrigens dummerweise begegnet, als ich gerade unterwegs war an Stellen, die normalerweise nicht von Bankern, Beratern, Zahnärzten und Anwälten übervölkert sind. Dumerweise kam ich an irgendeinem Golf-Ressort vorbei und ich wusste nach drei Minuten nicht, ob ich lachen oder weinen soll: glattgegelte, ausdrucklose Gesichter, das neue Auto, die neue Ausrüstung spazierentragen, Pulli über die Schulter gehängt (das sieht übrigens ganz bescheuert aus), Bussibussi hier, bussibussi („Ja, grüüüüüüüß dich….“) da. In dem Moment wusste ich, wer Westerwelle gewählt hat und was auf uns zukommt.

Tröstlich: Ich gebe denen keine vier Jahre. Weil das Grummeln in der 33-Prozent-Union über Merkel, von der keiner weiß, was sie außer Macht eigentlich will, erheblich zunehmen wird. Weil man bei der FDP ziemlich schnell merken wird, dass da außer Westerwelle nicht viel nachkommt. Weil man vielleicht merken wird, dass Steinmeier und Steinbrück doch nicht die Schlechtesten waren. Weil man merken wird, dass wir wieder in 1993 leben. Ich kann mich an diese bleierne Zeit noch bestens erinnern: hohe Arbeitslosenzahlen, katastrophale Schuldenentwicklung, kein Ansatz einer halbwegs sinnvollen Energiepolitik (erinnert sich übrigens noch jemand an eine Umweltministerin namens Merkel?). Jetzt sind sie alle wieder da, das halbe Kabinett Kohl und die komplette Unentschlossenheit, die sich lediglich darin einig, dass es um Wachstum geht, egal wie, egal warum. Und das nicht begriffen hat, dass es schon lange ein latentes Unbehagen am ganzen System gibt. Natürlich kann man sich über die SPD und ihr kolossal schlechtes Ergebnis amüsieren. Aber wenn das Amüsement darüber mal vorbei ist, wird man vielleicht auch einmal darüber reden, dass die Kanzlerpartei gerade mal noch ein Drittel der (abgegebenen) Wählerstimmen auf sich vereint. Rechnet man die Nichtwähler noch raus, kommen Biene Merkel und Westerwilli vielleicht noch auf die Zustimmung von jedem fünften Wahlberechtigten. Das ist eigentlich keine Basis für eine Regierung, so sehr sie zahlenmäßig auch legitimiert ist. Vier Fünftel wollen sie nicht, das ist Fakt.
Kanzlerin Merkel, Vize Westerwelle? Von mir aus. Aber beschwert euch hinterher nicht. Ich hab´sie nicht gewählt.